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Dinner in the Dark – Rosenau Stuttgart

3
Jan

… ich sehe was, was du nicht siehst …

Ich bin ja ausgesprochen gerne für Abenteuer zu haben! Alles mal ausprobieren, erfahren, gerne auch mal einen Fehler begehen… Alles ist mir lieber als die beängstigende Vorstellung, im hohen Alter einmal bereuen, etwas nicht getan zu haben!

Auch bin ich ein sehr visueller Mensch. Meine Mitmenschen bringe ich oft auf die Palme weil ich, wenn wir es eilig haben, anhalte und mit Ausrufen wie „Hast du diesen Vollmond gesehen?“ oder „Oooh dieses Licht“ das ganze Weltgeschehen mal eben pausieren muss. Ein Foto davon machen, und sei es nur im Geiste.

Menschen beobachten is my favorite thing to do und bunt meine Lieblingsfarbe. Ich habe so viel Freude an der Welt und an ihrer Beobachtung, dass die tatsächliche Notwendigkeit des Sehens bei mir fast schon selbstverständlich in den Hintergrund gerückt ist! Neulich bei einem Spaziergang habe ich mal 2 Kilometer vor Zuhause die Augen zugemacht, und bin blind, von meinem Freund an der Hand begleitet, den Rest des Weges gegangen! Eine ganz neue Erfahrung war das, kann ich euch nur empfehlen, auch zwischenmenschlich mal was neues!

Einmal im Monat lädt die Rosenau zum Dunkel Dinner

Einmal im Monat lädt die Rosenau zum Dunkel Dinner

 

DUNKELRESTAURANT aus:sicht – WIR SCHALTEN DAS LICHT AUS!

Als ich gelesen habe, dass die Rosenau in der Rotebühlstraße in regelmäßigen Abständen ihr „Dunkelrestaurant- aus:sicht“ anbietet, hatte ich das nächste Erlebnis auf meiner Wunschliste! Erst hat mich der Preis etwas zögern lassen (€ 64 fürs Menü plus € 15 für Getränke).. Aber am Ende hat die Neugier gesiegt! Auch durch die Tatsache, dass durch dieses Event viele Sehbehinderte und Blinde die Möglichkeit eines Arbeitsplatzes finden, kann man ja gerne auch unterstützen.

Bereits am Empfang werden wir von zwei Damen an Computerschirmen aufs Freundlichste begrüßt, die uns unseren Tisch zuteilen und uns die Getränke-Geld“beutel“ aushändigen und erläutern. Die kleinen Stoffbeutel sind mit Münzen im Wert von € 15 gefüllt und sind für alkoholische und Warmgetränke vorgesehen, Softdrinks sind im Menüpreis bereits enthalten. Eine Getränkekarte hängt auch schon hier im Hinterhof an der Wand, und ich überfliege sie ganz oberflächlich.  Das Menü musste man bereits bei der Buchung auswählen (Fleisch oder vegetarisch). Jetzt denkt man ja im „wahren Leben“ beim Bezahlen nie über die Münzen und deren Aussehen nach, man sieht es ja jeder deutlich an, welchen Wert sie innehat. Wenn man aber nur anhand des Gewichts und der Riffelung am Münzenrand wissen muss, womit man gerade bezahlt, ist das schon was anderes… Ich freue mich sehr auf den heutigen Abend, und solche kleinen Überraschungen machen die Vorfreude nur noch größer!

Unsere Empfangsdame verrät uns, dass wir an einem 10er Tisch sitzen werden, und dass unser Kellner Mugdin heißt. Um unsere Tischnummer zu erkennen, lehnt sie sich ganz weit vor zu ihrem Bildschirm, bis sie ihn fast mit der Nasenspitze berührt. Erst jetzt fällt mir auf, dass die beiden Damen auch sehbehindert sind. Am Eingang des Restaurants finden wir eine Liste aller Mitarbeiter des heutigen Abends, sowie das Sehvermögen eines jeden: außer dem Küchen- und Garderobenteam sind alle aus:sichtler sehbehindert oder blind.

 

Die aus:sichtler des heutigen Abends

Die aus:sichtler des heutigen Abends

Wir Gäste versammeln uns im Hinterhof der Rosenau, denn unsere Tischnummern werden nach und nach aufgerufen. In den Augen der anderen Gäste lese ich große Aufregung bei den meisten, andere schauen aber auch sehr skeptisch drein. Aber gespannt sind alle! Das heutige Dunkel-Dinner ist bis auf den letzten Platz ausgebucht, und auf Nachfrage hin erfahren wir, dass heute ca. 70 Personen teilnehmen werden.

Als unsere Tischnummer aufgerufen wird, müssen wir erst mal alles an der Garderobe abgeben: keinesfalls darf man leuchtende Gegenstände wie Uhren oder Handys mit in den Saal nehmen. Ich lasse selbstverständlich alles zurück, außer meinem Notizblock und Stift. So schwer wird das ja nicht sein, sich im Dunkeln etwas aufzuschreiben. An der Tür zum Eingang steht schon ein älteres Pärchen mit der selben Tischnummer, und da kommt auch schon Mugdin hinter einem schweren Vorhang hervor und schüttelt uns vieren die Hände. Er berichtet gleich von sich aus, dass er von Geburt an eine Sehkraft von 3% hat. Bevor er uns zu unserem Tisch führt, bittet er uns, in einer Polonaise jeweils den anderen an den Schultern zu packen und führt uns im Gänsemarsch durch 4 Vorhänge in den Saal. Bereits nach dem zweiten ist das Licht weg, und ich trete der Dame vor mir von hinten in die Haxen.

Nach einer kurzen Weile sagt Mugdin, wir seien jetzt an Tisch 4 angekommen. Wie er sich da sicher sein kann, ist mir schleierhaft. Er platziert uns zielstrebig an einer 10er Tafel, die anderen 6 Gäste sind noch nicht da. Ich suche über den Tisch die Hände meines Freundes, taste mit den Füßen die Tischbeine ab. Man sieht ABSOLUT NICHTS. Nullkommanull.

Mugdin kommt wieder und fragt nach einem Aperitif. Die Getränkekarte haben wir ja sicherlich draußen schon hängen sehen, sagt er. Daran habe ich jetzt wirklich nicht gedacht. Natürlich kann man hier drinnen ja keine Speisekarte erwarten. Zur Feier des Tages bestellt unsere Runde ein Gläschen Sekt, und ich bin froh, dass ich mir nichts selber eingießen muss. Während wir versuchen anzustoßen (die Betonung liegt auf versuchen), trudeln unsere restlichen Tischnachbarn ein, vermutlich auch in einer Polonaise. Für den Rest des Abends werden wir ihren Gesprächen lauschen, wissen was sie trinken, ob ihnen der Abend gefällt und das Essen schmeckt; wir haben aber absolut keine Ahnung, wie sie aussehen.

Da unser Sekt ja bezahlt werden muss, kommt Mugdin und möchte kassieren. Oh je, ich fummle jetzt schon im Beutel herum und habe alle meine Eselsbrücken vergessen. Aber unser zuvorkommender Kellner steht uns mit Rat und Tat zur Seite. Das erste Mal seit meiner Kindheit fällt mir der typisch metallische Geruch auf, der den Münzen anhaftet. Tatsächlich habe ich diesen seit sehr sehr langer Zeit nicht bemerkt, da bei uns Erwachsenen ja immer die Funktionalität des Geldes im Vordergrund steht. Was einem alles so auffällt, wenn man nicht sehen kann… Hinter mir höre ich, wie jemandem mehrere Münzen aus dem Beutel rutschen und auf dem Boden aufschlagen. Oh je, wie soll der die denn jetzt wieder finden?

Was es wohl zu essen gibt?

Gleich darauf wird ein Gruß aus der Küche serviert, selbstverständlich verrät Mugdin bei allen Gängen nicht, was sich auf den Tellern befindet, denn das sollen wir ja selbst herausfinden. Damit wir uns nicht erschrecken, fasst er uns immer ganz leicht auf die rechte Schulter, bevor er Getränke oder Speisen vor uns abstellt. Vielleicht macht er das auch ein bisschen aus Selbstschutz, denn ich könnte nicht garantieren, aus Schreck im Dunkeln nicht um mich zu hauen! Ich probiere das Amuse-Gueule, das im kleinen Glas serviert wird, daher kann ich das Essen mit der Gabel relativ gut finden. Der Geschmack kommt mir sehr bekannt vor, es fühlt sich rund an, und würzig, und saftig. Oh ich kenne den Geschmack so gut, aber was ist das noch mal?? Ich komme echt nicht drauf! Erst bei der zweiten Gabel erwische ich eindeutig Mozzarella, und dann kommt es mir: das mysteriöse Etwas von vorhin war eine Tomate… Gut kombiniert, Watson! Oh je, wenn es schon so losgeht…

Die folgenden Gänge laufen deutlich besser, außerdem haben wir an unserem Tisch eine Raterunde gebildet, und gemeinsam erschmecken wir den Großteil des Servierten. Als der Sekt zur Neige geht, bestellen wir natürlich Nachschub. Für ein Bier entscheiden wir uns diesmal. Da ich ja mit der schwäbischen Bierwelt gut vertraut bin, wähle ich weise ein Wulle. Erstens schmeckt es gut, und zweites trinkt man es aus der Flasche. „Wir wollen Wulle“, bestellen wir bei Mugdin, und auch das Bezahlen läuft viel flüssiger diesmal. Das Pärchen neben uns bestellt ein Flaschenbier, das sie selber einschenken müssen. Haha, selber schuld. Ich erlausche bei der Dame neben mir, wie Flasche an Glas klirrt, ja, das klingt doch gut bisher. Bis ich einen kleinen Aufschrei und ein Kichern höre. „Aber das meiste ging ins Glas“, sagt sie und lacht. Da muss ich gleich mitkichern, denn mir wäre es nicht anders gegangen, sehr lustig! Ich trinke kleckerfrei mein Wulle und freue mich des Abends, bis mein Freund ausruft, dass er sein Bier nicht finden kann. Ich lache ihn ein bisschen aus, bis ich feststelle, dass auf meiner Seite des Tisches jetzt zwei Wulle-Flaschen stehen. Ups, jetzt hab ich seines auch schon halb leer getrunken, hihi. Den Vorwurf des Vorsatzes weise ich entschieden und empört von mir! Ich habe es halt nicht sehen können, gell! Und wirklich, ich hätte vermutet, dass sich nach einer Weile meine Augen an die Dunkelheit gewöhnen würden, und ich wenigstens Umrisse erkenne. Aber immer noch alles zappenduster!

Das servierte Sellerie-Süppchen lässt sich sehr gut löffeln, und jemand äußert den Gedanken, dass wir den Dreh jetzt raus haben. (Geheimnis: In Wirklichkeit habe ich die Suppe gar nicht gelöffelt, sondern direkt aus der Schüssel getrunken, aber es hat keiner gesehen). Als Hauptspeise gibt es Saltimbocca vom Schwein mit Rahmgemüse und Wirsing, nur diesmal liegt die Schwierigkeit nicht im Erschmecken der Zutaten, sondern vielmehr darin, diese überhaupt auf die Gabel spießen zu können. Geschweige denn das Fleisch zu schneiden. Ich kriege es einfach nicht durch. Bis auf einmal der schwäbische ältere Herr ausruft: „Ha i ben bleed, i han’s Messer falschrom g’halta“.. Eine Vermutung keimt in mir auf.. Heimlich rutsche ich mit dem rechten Zeigefinger an meinem Messer entlang, und tatsächlich: ich fühle die Schneide himmelwärts.. Mann o Mann, was für ein Anfängerfehler… Nachdem ich meine Messerhaltungsfähigkeiten perfektioniert habe, klappt das mit dem Schneiden auch ganz gut. Trotzdem kommt gut die Hälfte meiner Gabeln gen Mund leer an. Gut dass mich keiner sieht!

Damit die Kellner sich nicht gegenseitig umrennen, schnipsen sie im Gehen immer. So findet man halt immer Wege, um sich das Leben einfacher zu machen! Ich bin begeistert, wie reibungslos der Service funktioniert. Was mir noch auffällt, ist der gewaltig hohe Gesprächslärmpegel. Anscheinend denkt jeder, dass er schreien müsse, um vom Gegenüber gehört zu werden, denn man sieht sich ja nicht, da erhebt man wohl sicherheitshalber lieber die Stimme.

Als Kulturprogramm nach dem Hauptgang gibt für eine halbe Stunde noch ein A-capella-Ensemble seine Lieder zum Besten, ich nehme an von einer Bühne, aber wissen tue ich es natürlich nicht. Den Namen des Ensembles habe ich mir selbstverständlich notiert, leider kann ich es aber nicht mehr entziffern! Wie es scheint habe ich an mehreren Stellen meines Notizblocks etliche Male über die selbe Zeile geschrieben. So einfach ist es anscheinend doch nicht, sich im Dunkeln etwas zu notieren! Vielleicht könnt ihr es noch rauslesen?

 

Meine Notizen im Dunkeln geschrieben - ich seh auch im Hellen nix

Meine Notizen im Dunkeln geschrieben – ich seh auch im Hellen nix

 

Die Nachspeise, die im Anschluss serviert wird, ist auch sehr lecker und gewohnt schwer aufzuspießen. Es gibt Bratapfel und eine Variation anderer Apfelsüßspeisen, die zwar von einigen am Tisch für Birnen gehalten werden, aber wer will denn hier Äpfel mit Birnen vergleichen?

Nach Beendigung des Menüs werden wir von Mugdin wieder in gewohntem Polonaise-Schritt nach draußen geführt, und trotz der sehr schwachen Beleuchtung im Garderobenbereich blendet mich das Licht ungemein. Ein Blick auf die wiedererlangte Uhr verrät uns, dass seit Beginn des Dinners über 4 Stunden vergangen sind, und ich erkenne, dass sich zusammen mit dem Sehvermögen mein Zeitgefühl vorübergehend verabschiedet hatte. Wir bedanken und verabschieden uns vom Personal, insbesondere von Mugdin, der sehr zu diesem besonderen Abend beigetragen hat. Wer dieses spezielle Erlebnis selbst erfahren möchte, sollte sich auf jeden Fall rechtzeitig anmelden, denn die Termine sind immer gut und schnell ausgebucht! Die Menüfolge ändert sich übrigens bei jedem Mal, also keine Sorge, ihr könnt in Ruhe von neuem eure Speisen selbst erraten!

Mein Freund und ich fahren nach unserem „no-candle-light dinner“ mit dem Fahrrad nach Hause, finden ohne Schwierigkeiten Stufen, Türen und Schlüsselloch. Machen uns noch einen Tee, lesen vor dem Schlafengehen. Ich bin sehr dankbar, dieses Geschenk des Sehens erfahren zu dürfen, und bewundere Menschen wie das Team vom heutigen Abend, die sich auch von ihrer Blindheit nicht davon abhalten lassen, mit Freude und Humor und Liebenswürdkeit ihr Leben zu meistern! Hut ab, und Danke für den tollen Abend!

Zum Abschluss habe ich noch ein Foto für euch vorbereitet. Leicht zu erkennen: Mir fällt gerade die Kartoffel von der Gabel, während ich mit der anderen Hand anderer Leute Bier klaue. Im Hintergrund seht ihr, wie ein ein anderer Gast seinem Gegenüber die Zunge rausstreckt, der wiederum gerade in der Nase popelt.

im Dunkeln ist gut Munkeln...

im Dunkeln ist gut Munkeln…

 



2 Kommentare »

  1. Ein interessanter Beitrag über ein nicht ganz alltägliches Essen. Beim Lesen spürt man die Begeisterung für die Veranstaltung. Und an so mancher Stelle muss man schmunzeln, wenn nicht gar lachen.
    5 Sterne für den Beitrag und weiterhin solche Artikel, damit ich noch öfter gerne die Seite besuchen kann.

    Ronald — 4. Januar 2014 @ 17:08
  2. Trotz des Umstandes das ich die Idee eines Dunkelrestaurants und die damit gegebenfalls verbundene Unterstützung von Sehbehinderten sehr schätze, muss und möchte ich leider hier auch einmal von meiner negativen Erfahrung mit diesem Betreiber (dem Verein Aus:sicht) erzählen..

    Nachdem ich meinen Termin (für ein Essen im Restaurant Reichsstadt) leider nicht einhalten konnte stellte sich heraus dass eine Rückgabe der Tickets anscheinend „unmöglich“ ist – die müssen privat weiterverkauft werden oder auf der Website zum Verkauf gestellt werden.. Hier macht der Kunde dann also den Vertrieb des Betreibers.. Das finde ich auch schon sehr fragwürdig..

    Auf Anfrage des Betreibers (!) wurden dann die Tickets gegen Gutscheine umgetauscht, da dieser die Tickets gerne anderen Kunden überlassen wollte.. Leider sind hochpreisige Gutscheine schwer verkaufbar.. Da sich aufgrund Wegzug aus Deutschland bei mir die Umstände änderten und eine Verwendung der Gutscheine schwierig wurde, fragte ich beim Betreiber an ob die Gutscheine unter diesen Umständen unter Kulanz eingetauscht werden könnten. Leider erhielt ich auch nach 2 Wochen keine Antwort auf meine wohlbemerkt freundliche Mail..

    Auch konnte ich leider trotz mehrmaligen Versuchen den Betreiber nicht telefonisch unter der angegebenen Nummer erreichen.. Als ich ihn dann endlich erreichen konnte war die Aussage eine Rücknahme der Gutscheine sei ausgeschlossen. Ohne Angabe des Grundes.. Auf Nachfrage des Grundes wurde gesagt man ginge bald in den Urlaub und müsse auch gleich in ein Meeting..

    Das ist leider das mitunter abweisenste und kundenunfrendlichste Verhalten dass ich erlebt habe.. Ich bitte alle möglichen Interessenten eines Besuchs im Dunkelrestaurant dies zu beachten! Entweder man geht hin und alels ist gut oder man hat Pech und ein dickes Problem.. Sehr Schade.. Das hätte anders gelöst werden können..

    Daniel — 7. Dezember 2015 @ 15:06

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