Lieblings-Beiträge

Autoren

Beiträge als E-Mail-Abo

Blog via E-Mail abonnieren

Gib Deine E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.

Themen

Blogroll

Facebook

Verborgene Schätze im Linden-Museum

11
Jun

Ein Depot im Museum ist so etwas wie eine verschlossene Schatzkammer. Die dort aufbewahrten Objekte sind normalerweise vor den Blicken der Besucher verborgen. Entsprechend groß ist meine Freude, dass ich heute eine ganz besondere Führung im Linden-Museum bekomme: Die Referentin für Lateinamerika Dr. Doris Kurella nimmt mich mit in die „heiligen Hallen“ des Depots, um mir ihre Lieblingsstücke zu zeigen. Die sind leider zur Zeit im Dornröschenschlaf und aus Platzgründen nicht in der Ausstellung zu sehen. Wie werden sie aufbewahrt und welche Geschichten können sie erzählen? Ich bin gespannt, was mich erwartet.

Bild 1

Im Depot des Linden-Museums

Dr. Kurella führt mich ins Dachgeschoss des Museums. Es geht einen Gang entlang, vorbei an grauen Schränken, alle nummeriert und mit großen schwarzen Rädern zum Öffnen versehen. Unglaubliche 20.000 Objekte aus Lateinamerika befinden sich in der Sammlung, darunter sehr viele Stücke aus Alt-Peru, dem ehemaligen Inka-Reich, und dem Amazonas-Tiefland.

Forschung, Rätsel und „Krimis“

Die erste Station ist ein langer Tisch, auf dem verschiedene Objekte präsentiert sind: Speere, Ketten mit Tapirklauen und Affenzähnen, geflochtene Taschen. Erst vor kurzem war ein brasilianischer Wissenschaftler, der sich mit der materiellen Kultur der Pataxó-Indianer beschäftigt, im Linden-Museum, um die Stücke zu untersuchen: Sie zählen zum weltweit ältesten, erhaltenen Kulturerbe dieses Stammes. Beim Besuch des Experten kam heraus, dass es sich hier bei den vermeintlichen Einzelteilen um ein vollständiges Inventar eines Jägers handelt. Ganz auf Augenhöhe mit der Natur trug er die Amulette mit den Zähnen, um die getöteten Tiere um Verzeihung zu bitten. Die Sammlung liefert immer wieder spannende, neue Forschungsergebnisse. Immer öfter kommen auch Indigene, um sich Objekte aus ihrer Kultur anzusehen.

Die Ausstattung eines Jägers der Pataxó-Indianer

Die Ausstattung eines Jägers der Pataxó-Indianer

Es gibt aber auch viele Forschungen, die versuchen, regionale Rätsel zu lösen: Ein Projekt mit dem Landesmuseum soll die Kunstkammer der Herzöge von Württemberg rekonstruieren – eine Sammlung, die inzwischen überall in Stuttgart verstreut ist. Warum aber trägt die Ausstattung des Jägers, die eigentlich zur alten Sammlung des Prinzen und Forschungsreisenden Maximilian zu Wied gehört, auch das ominöse Zeichen des „Konvoluts Krongut“? Wahrscheinlich hat Herzog Paul dem Prinzen die guten Stücke für seine Kunstkammer „abgequatscht“, und erst über Umwege landeten sie wieder im Linden-Museum. Aufgespürte Objekte, alte Bestände, die auf den Kopf gestellt werden und plötzlich einen ganz neuen Wert bekommen… Manchmal ist Forschung ein waschechter Krimi. 🙂

Federschmuck aus dem Regenwald... Wunderschön!

Federschmuck aus dem Regenwald… Wunderschön!

Schmuck mit fremden Federn

Dann wird es sehr, sehr bunt: Dr. Kurella schließt Schränke auf, öffnet Schublade um Schublade. Hinter dem schlichten Grau kommt jedes Mal wunderschöner, farbenprächtiger Federschmuck hervor. Diese Sammlung ist die älteste der Welt aus dem Kulturareal des Regenwalds von Guyana. Für die indigenen Völker haben diese Stücke eine ganz besondere Bedeutung: Sie sind nicht „nur“ Federschmuck, sondern werden als Lebewesen betrachtet. Verständlich, dass die Natives den Wunsch haben, alle Teile gemeinsam aufbewahrt zu wissen, die zusammengehören und die sich untereinander „vertragen“. In Museen kann darauf leider allzu oft keine Rücksicht genommen werden – holistisches Weltbild prallt auf die Anforderungen moderner Konservierung. Es erstaunt mich sehr, dass es keine Rückgabeforderungen vonseiten der Indigenen gibt. Deren Begründung lautet: Ihr Weg habe die „Lebewesen“ ins Museum geführt, wo sie folglich eine Aufgabe zu erfüllen hätten. Ein sehr schöner Gedanke. 🙂 Im Moment erfüllen sie mit Bravour die Aufgabe, mich zu begeistern.

Und nicht nur ich finde den Federschmuck interessant: Vor zwei Jahren wurde eine neue Sammlung aus Nordbrasilien angekauft, die mit den alten Objekten kombiniert zu einem neuen Forschungsprojekt angeregt hat: Gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Bonn, Frankfurt und Berlin und Vertretern der in Guyana und Nordbrasilien lebenden Apalai-Wayana werden die Federschmuckstücke mit Dokumenten, Ton- und Filmaufnahmen zusammengebracht. Das soll wertvolle Erkenntnisse über Kulturwandel und Wissensproduktion bei dieser Volksgruppe liefern.

Textilien aus dem alten Inka-Reich

Textilien aus dem alten Inka-Reich

Aus Gräbern ausgegraben

Nach der Expedition durch den Amazonas führt die Depot-Reise ins alte Peru, dem ehemaligen Inka-Reich. Dr. Kurella erzählt mir vom besonderen Klima dieser Region: Im Küstengebiet sorgt die trockenste Wüste der Welt für natürliche Mumifizierungen und perfekt konservierte Fundstücke. Zum Beispiel Textilien, die knapp 2000 Jahre alt sind, aus Baumwolle und Alpaka-Wolle, mit fein gearbeiteten Motiven von Maisritualen oder Flamingos: Ich kann kaum glauben, wie intensiv die Farben leuchten und wie gut die Stoffe erhalten sind, die in den Schubladen zum Vorschein kommen!

Die Textilien stammen allesamt aus Gräbern: Totentücher, mit denen Menschen eingewickelt und bestattet wurden. Keine leichte Aufgabe, diese Stücke zu konservieren, wenn sie einmal aus dem trockenen Boden geholt und der Luftfeuchtigkeit bei uns ausgesetzt sind… Aber die Mühe lohnt sich: Das prachtvolle Federkleid einer hochrangigen Person der Chimú-Kultur (1000-1472 n.Chr.) leuchtet in sattem Grün, Rot, Gelb und Schwarz.

Bild 5

Farbenpracht: Ein buntes Federkleid aus dem alten Peru

Von Menschenopfern und Coca-Schnupfern

Auch der nächste Schrank hält Grabbeigaben bereit: Keramik der Moche-Kultur, einem Flussoasen-Volk aus Nord-Peru. Man weiß noch nicht viel über die Moche: Geschüttelt von Naturkatastrophen und abhängig von der pünktlich eintretenden Regenzeit taten sie auf jeden Fall alles, um die Natur zu besänftigen. Adelige opferten sich in rituellen Zweikämpfen selbst, bei denen jeweils nur einer der Teilnehmer überlebte. Dr. Kurella nimmt einen Keramik-Kopf aus dem riesigen Schrank: Eine solche Figur wurde nach jedem der Kämpfe angefertigt. Die Forschung hat lange diskutiert, welcher Art diese Darstellungen sind. Inzwischen ist klar: Es handelt sich tatsächlich um Porträts der adeligen Kämpfer! Wahnsinn, wie ausdrucksstark und lebensecht der Kopf wirkt. Doch sein Blick ist gebrochen wie bei einem Toten – es war wohl sein letzter Kampf.

Dr. Kurella zeigt mir einen Porträt-Kopf der Moche-Kultur. Beeindruckend!

Dr. Kurella zeigt mir einen Porträt-Kopf der Moche-Kultur. Beeindruckend!

Die Keramik-Objekte hatten immer einen Bezug zu den Verstorbenen: Kleine, mit Coca-Schnupfern bemalte Krüge und Figuren heiliger Jaguare? Das war mit Sicherheit das Grab eines Schamanen! Szenen mit wüsten Gestalten, die Speere tragen? Da hatte sich jemand wohl zu Lebzeiten an einem Ritual beteiligt, um Krankheiten aus der Stadt zu vertreiben.

Auch die Nasca-Keramik im Nachbar-Schrank ist bedeutungsschwer und steckt voller Wasser- und Fruchtbarkeitssymbole: Wellenförmige Linien und „Trophäenköpfe.“ Auch das sprudelnde Blut Enthaupteter erinnert an Wasser… Zumindest die Nasca, mir selbst wäre dieser Zusammenhang nicht eingefallen. Die Bemalung ist nicht nur düster, sondern zum Teil auch ziemlich abstrakt: Verzerrte, gedoppelte Gesichter mit vier Augen. Hysterie und Panik angesichts der zunehmenden Naturkatastrophen spiegelt sich in den heiligen Objekten wider.

Verzerrte Gesichter und viel Symbolik auf der Nasca-Keramik

Verzerrte Gesichter und viel Symbolik auf der Nasca-Keramik

Es gäbe noch so viel zu erzählen! Dr. Kurella hat unzählige spannende, schöne und schaurige Geschichten auf Lager… Ich habe gar nicht gemerkt, wie schnell dabei die Zeit verflogen ist und muss mich nach vielen Rückfragen an die Lateinamerika-Expertin leider verabschieden. Es war ein tolles Erlebnis! 🙂

Hier findet Ihr mehr Infos zum Linden-Museum Stuttgart.



2 Kommentare »

  1. Ich habe eine etwas „spezielle“ Frage an Sie: Könnten Sie mir wohl mitteilen, wer 1980 der Peru-Experte im Linden-Museum war? Es handelte sich um einen Professor, dessen Namen ich leider vergessen habe.
    Vielen Dank für Ihre Bemühungen.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Volker Brömel

    Dr. Volker Brömel, 88699 Frickingen — 30. Juli 2015 @ 11:57
  2. Sehr geehrter Herr Dr. Brömel,

    gerne beantworte ich Ihre Frage: Unser Amerika-Referent 1980 war Dr. Axel Schulze-Thulin. Er ist seit den 90er Jahren im Ruhestand.

    Mit freundlichen Grüßen

    Martin Otto-Hörbrand
    Linden-Museum, Öffentlichkeitsarbeit

    Linden-Museum — 30. Juli 2015 @ 14:36

RSS feed for comments on this post. TrackBack URL



Leave a comment