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Unter dem Alten Schloss in Stuttgart – oder: Was Steine für Geschichten erzählen

18
Jun

Exklusivität – etwas machen oder sehen, was anderen normalerweise verborgen bleibt. Hört sich gut an, denke ich und so finde ich mich eines verregneten Morgens im Juni im Innenhof des Alten Schlosses in Stuttgart wieder.

Herzog Eberhard im Barte

Herzog Eberhard im Barte

Unter dem Alten Schloss
Das Alte Schloss mitten im Herzen von Stuttgart. Jeder aus der Region Stuttgart kennt es und auch jeder Besucher stolpert fast zwangsläufig über das burgartig aussehende Schloss unweit des Schlossplatzes. Auf den ersten Blick also nichts Exklusives. Doch die nächste Stunde werde ich unter dem Alten Schloss verbringen. In der „Tonne 2“, der Ausgrabungsstätte, die sich direkt unter dem Landesmuseum Württemberg befindet.

Nicht rauf, sondern runter geht es heute…

Nicht rauf, sondern runter geht es heute…

Wo geht’s hier in die Vergangenheit?
Herr Dr. Kokkotidis, mein Führer für heute und Referatsleiter Archäologie des Frühen und Hohen Mittelalters, nimmt mich also mit in die Unterwelt respektive Vergangenheit. Im 2. Untergeschoss, wo sich die Glassammlung des Museums befindet, betreten wir durch eine verborgene Tür das Kellergewölbe „Tonne 2“. Dies ist der älteste erhaltene Raum im Alten Schloss. Zweimal, 1931 und 1944, wurde das Alte Schloss zerstört. Die beiden Tonnengewölbe („Tonne 1“ beinhaltet heute die Glassammlung) überstanden beide Male jedoch unbeschadet. Als ich das Tonnengewölbe betrete, sehe ich zunächst … Steine, Steine, Steine. Doch dank der Erklärungen von Herrn Dr. Kokkotidis kann auch ich nach und nach erkennen, dass die Steine durchaus ihren Sinn hatten. Gräben, Mauern und sogar einen prähistorischen Gullideckel gibt es dort zu entdecken 🙂

Gullideckel aus dem Mittelalter :-)

Gullideckel aus dem Mittelalter 🙂

Vom Weinkeller zur Ausgrabungsstätte
Benutzt wurden beide Kellerteile schon seit jeher. Das Weingut Herzog von Württemberg nutzte den Keller von etwa 1807 / 1810 an als Weinkeller. Bis in die 1980er Jahre wurde hier Wein gekeltert und gelagert. Aufgrund des Baus der Tiefgarage unter dem Schillerplatz musste der Grundwasserspiegel allerdings abgesenkt werden, sodass keine Weinlagerung im Alten Schloss mehr möglich war. Das Weingut Herzog von Württemberg verlegte seinen Standort nach Ludwigsburg und hinterließ zwei leerstehende Keller. Tja, und was nun? Herr Dr. Kokkotidis erzählt mir von zwei Ideen: Eine unterirdische Weinstube einrichten oder mehr Ausstellungsfläche für das Landesmuseum schaffen. Da für eine Museumsfläche die Decke zu niedrig war, sollte der Boden kurzerhand tiefer gelegt werden. Doch nix da – die Denkmalpflege nahm sich der Sache an und tadaa … die Funde kamen zum Vorschein. Gegraben wurde unter dem Alten Schloss bis etwa 2008 / 2009, die freigelegten archäologischen Funde gehen zum Teil zurück auf das 11. Jahrhundert. Beeindruckend, wie viele Jahrhunderte Gebäude, Gemäuer, aber auch z.B. Keramiken und Stoffe unter geeigneten Bedingungen überdauern können…

Steine wohin man blickt!

Steine wohin man blickt!

Steine erzählen Geschichten

Wand ist nicht gleich Wand

Wand ist nicht gleich Wand

Die Kellerwände stammen vermutlich aus dem 12. / 13. Jahrhundert. Die Ringmauer, die die Burg umgeben hat, geht allerdings schon auf das 11. Jahrhundert zurück. Und das bedeutet nun, dass vor der „Tonne 2“ an dieser Stelle schon ein anderes Gebäude gestanden haben muss.

Auch ein Mauersturz gibt Hinweise… ;-)

Auch ein Mauersturz gibt Hinweise… 😉

Was aussieht wie Überbleibsel von den archäologischen Grabungen ist in Wahrheit eine tatsächlich eingestürzte Mauer. Die losen Steine weisen darauf hin, dass Mauerteile vom Regen oder von Flutmassen unterspült wurden und dann eingestürzt sind. Als die Schlossanlage im 13. Jahrhundert wieder aufgebaut wurde, wurde sie um 45 Grad gedreht, um den Wassermassen möglichst wenig Angriffsfläche an der Mauer zu bieten und somit einen erneuten Einsturz zu verhindern. Clever, nicht?! 😉

Seeehr alte Dachziegel :-)

Seeehr alte Dachziegel 🙂

Und wer hätte es gedacht, auch im Mittelalter gab es schon Dachziegel. Logisch eigentlich, doch ehrlich gesagt hatte ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht… Aber schließlich wollten die Menschen damals in ihren Häusern ja auch nicht nass werden.

Dr. Kokkotidis berichtete mir auch von zahlreichen Austernschalen, die zum Vorschein kamen. Ein eindeutiger Indiz, dass in dem heutigen Kellergewölbe ehemals prunkvolle Feste gefeiert wurden – die Schlossherren wussten eben schon damals was gut ist 🙂 Bei einem von solchen Festen hätte ich ja zu gerne mal Mäuschen gespielt…

Noch ein letzter Blick auf die Steine…

Noch ein letzter Blick auf die Steine…

Nach einer Stunde kehren wir aus der Vergangenheit wieder ins 21. Jahrhundert und an die Oberfläche zurück. Es hat mich wirklich schwer beeindruckt, was Archäologen für Schlüsse aus diversen Steinformationen ziehen und die Geschichte wieder lebendig werden lassen. Und es hat mir Spaß gemacht, mich in die Zeit des Mittelalters versetzen zu lassen 😀

Ein Kulturdonnerstag-Beitrag.



1 Kommentar »

  1. Wow. Super interessante Geschichte, haben wir gar nicht gewusst das es das gibt! Ich denke, nun werden wir auch mal bald jemand von uns unter das Schloss schicken. Ihr lest es dann auf http://www.stuttgart-journal.de . Tolle Inspiration danke!! 🙂

    Dirk Meyer — 17. September 2015 @ 12:31

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