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Augen.Blicke.Impressionen: Blick hinter die Kulissen der Staatsgalerie Stuttgart

25
Aug

Im Rahmen des Kulturdonnerstags bekomme ich heute einen exklusiven Einblick in einen der sonst geheimen Vorgänge der Staatsgalerie: die Umhängung einer Ausstellung. Bis 13.11.2016 ist „Augen.Blicke.Impressionen – Meisterwerke des französischen Impressionismus“ zu besichtigen. Die Ausstellung vereint Gemälde und Skulpturen mit Werken aus der Graphischen Sammlung, allesamt Eigentum der Staatsgalerie, quasi eine Impressionisten-Werkschau.

Pissaro: Der Gärtner

Pissaro: Der Gärtner

Sie ist ein wenig aus der Not geboren, gesteht man mir später, da die Räume der Impressionisten wegen einer dringend notwendigen Dachsanierung geräumt werden mussten. Man entschied sich, die komplette Gemäldesammlung mit Graphiken zu kombinieren, um eine möglichst umfassende Präsentation der hauseigenen Impressionisten zu ermöglichen und gleichzeitig herauszustellen, dass der Impressionismus mehr als das Spiel mit leuchtenden Farben und unbeschwerten Freiluftmotiven ist. Dass die Sanierung verschoben werden musste und die Räume zwischenzeitlich mit wunderbaren Slevogts und Liebermanns belegt wurden – umso besser.

Slevogt: Champagnerlied

In der Mitte „Das Champagnerlied“ von Slevogt

Die kuratorische Assistentin Nathalie Frensch empfängt mich vor dem Eingang der Sonderausstellungsräume und erklärt die Notwendigkeit der Umhängung: Die ausgestellten Grafiken sind sehr lichtempfindlich und dürfen dem Kunstlicht nicht länger als drei Monate ausgesetzt werden. Allgemein ist die Beleuchtung sehr spärlich, es dürfen maximal 50 Lux herrschen. Die Wände sind dunkel gestrichen damit die Grafiken besser wirken können, nicht um die Atmosphäre noch düsterer zu machen. Alles im Sinne der Kunst!  Ich darf die Ausstellung erstmal allein erkunden gehen, während die Kuratorin letzte Details mit der Ausstellungskoordination verhandelt. Vor Degas‘ „Billardzimmer“, einem Metagemälde aus verwirrender Perspektive, und Pissarros „Gärtner“, ein bereits 1906 als eines der ersten Werke der Staatsgalerie erworbenes, vor Farbe nur so strotzendes Bild, verweile ich länger. Auch Redons „Kämpfender Engel“ fasziniert mich, ist er doch ein schönes Beispiel der Skizzenhaftigkeit vieler postimpressionistischer Werke. So hat dann später Cézanne oft Teile der Leinwand leer gelassen, und auch bei den Pointilisten scheint die Leinwand ein wenig durch. Ich bin begeistert!

Redon: Engel

Redon: Kämpfender Engel

Zurück bei Frau Frensch wird mir der Ablauf der Umhängung erklärt. Im Vorfeld der Ausstellung wurden schon Ersatzwerke ausgewählt, die nach der Umhängung am 22. August an ihrer Stelle hängen sollen. Natürlich wurde auf möglichst gleichwertigen Ersatz geachtet, also motivisch ähnliche Bilder möglichst derselben Künstler ausgesucht. Die Positionen in den Räumen wurden am PC vorbereitet und koordiniert, die Ausstellung entstand also erst digital. Wie könnte es auch anders sein, immerhin sind alle hier gezeigten Werke fotografiert, umfangreich dokumentiert und in einer Datenbank erfasst. Insgesamt ist man glücklich mit der Auswahl. Hängen bleiben dürfen das große Pastelbild „Wannenbad“ von Degas und die verstörend-schönen „Fleurs du mal“ von Redon. Nur bei einer Graphik gibt es Bedenken, da die Depots der Graphischen Sammlung, die immerhin 400.000 Werke umfasst, keinen wirklich befriedigenden Ersatz bereithalten: Odilon Redons „Die Geburt des Gedanken“. Ein starkes, düsteres, geheimnisvolles Werk!

In Vorbereitung wurden die Ersatzwerke auf Styroporbrickets unter ihren neuen Aufhängungsort gestellt. Ein wenig Abstraktion ist schon von Nöten, um sie sich an der Wand neben den Gemälden vorstellen zu können, aber die scheint jeder hier mitzubringen. Der Kurator und die kuratorische Assistenz gehen jeden einzelnen Ersetzungplatz durch und besprechen ihn kurz, man kommt schnell überein. Dabei fallen Kunst-Sätze wie „Eine sehr schöne Wand, fast besser als vorher!“ und „Von denen, die jetzt hängen, muss man sich auch mal unabhängig machen.“ und ich muss mir das Lachen verkneifen.

Wand mit Akt

Wand mit Akt

Jetzt heißt es warten auf die finale Abnahme. Zusammen mit Pressereferentin Anette Frankenberger bewundere ich derweil die Zeichnungen van Goghs. Über diese Ersetzung wurde vorhin gar nicht erst diskutiert, sie ist zu eindeutig. Wie mir der Kurator Dr. Conrad verrät ist „Le Pont de Langlois“ (Die Brücke von Langlois) übrigens das einzig sicher als authentisch angesehene Werk van Goghs in der Sammlung der Staatsgalerie. Die anderen Werke sind Lithografien, deren Authentizität nicht geprüft werden kann, eine Rohrfederskizze und ein Aquarell, beide ungewisser Herkunft.

Werke von Van Gogh

Werke von Van Gogh

Dann geht alles sehr schnell: Die Direktorin Frau Prof. Dr. Lange trifft ein, und sie und die Kuratoren und das Team der Ausstellungskoordination bewegen sich in rasantem Tempo von Werkgruppe zu Werkgruppe. Wenig wird diskutiert, die meisten Entscheidungen der Kuratoren werden mit kurzen Kommentaren abgenickt. Die Direktorin hat prinzipiell das letzte Wort bei jeder Entscheidung, doch sie ist den Vorschlägen ihres gut eingespielten Teams wohlgesinnt. Diskussionsbedarf gibt es lediglich vor den Renoirs. Ein Gemälde wird abgenommen, Frau Prof. Dr. Lange packt selbst mit an, verschiebt die Werke auf dem Boden, probiert aus, hier 30 Zentimeter nach links, da muss man noch etwas Luft geben, dort ist die Sichtkante, an diese Stelle kommen zwei Radierungen, verschiedene Optionen werden ausprobiert. Ein paar Minuten später schon ist man sich einig. Die neuen Positionen werden später von der Ausstellungskoordination genau ausgemessen und fotografisch festgehalten.

Renoir: Madame Victor Chocquet

Renoir: Madame Victor Chocquet

Plötzlich gibt es doch noch eine strategische Umentscheidung: James Ensors Radierung “La cathédrale“, die ursprünglich durch eine spätere Variation desselben Motivs auf Japanpapier ersetzt werden sollte, wird abgelöst durch den Dreimaster („Le Trois-Mâts“) von Paul Signac, eine Federzeichnung in schwarzer Tinte. Hieraus ergibt sich beim Verlassen der Ausstellung ein durchaus gelungener Abschluss, denn der Blick fällt beim Durchgang zurück in den letzten Saal direkt von der Schiffszeichnung auf Signacs pointilistisches Meisterwerk „Hafen von Portrieux“.

Und im letzten Raum noch eine gute Nachricht für mich: „Die Geburt des Gedanken“ darf hängen bleiben, weder die Konservatoren noch die Chefin haben Einwände. Das ist ja gerade nochmal gut gegangen!

Redon: Die Geburt des Gedanken

Redon: Die Geburt des Gedanken

Für den Kulturdonnerstag berichtete Christoph Wetzel.



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