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Kulturdonnerstag: Probenbesuch bei der Bachakadamie Stuttgart

8
Sep

 

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Kurz vor Beginn einer Probe im Hospitalhof, mitten in Stuttgart: Musiker begrüßen sich herzlich, eine Sängerin auf der Suche nach ihren Noten, die Instrumentalisten am Stimmen. Heute steht auf dem Probenplan der Gaechinger Cantorey die Marienvesper von Claudio Monteverdi. Die Atmosphäre ist gespannt, denn heute spielt das Ensemble, das aus rund 15 Instrumentalisten und 30 Sängern – also einem Teil des neu formierten Ensembles – besteht, seine ersten gemeinsamen Töne. Nachdem der künstlerische Leiter der Bachakademie, Hans-Christoph Rademann das ehemals Bach-Collegium genannte Orchester reformiert und so ganz auf das historische Instrumentarium eingestimmt hat, findet sich im Musikfest Stuttgart die Spitzenklasse unter den Musikern der historischen Aufführungspraxis zusammen. Das Ziel des Dirigenten: Ein Klang wie zu Zeiten von Johann Sebastian Bach. Heute aber geht es zunächst noch weiter zurück in der Musikgeschichte. Ein wenig befremdlich wirken die alten Instrumente im modern-schlichten Ambiente des Hospitalhofes: Der Hals der Theorbe, einer etwa mannshohen barocken Laute, ragt aus dem Klangkörper. Rechts vom Dirigenten Hans-Christoph Rademann reihen sich drei Musikerinnen mit seltsamen, braunen, hornförmigen Instrumenten, die beim Stimmen warme, saxophonartige Klänge produzieren. Auch die Streichinstrumente unterscheiden sich sehr von denen, die man aus heutigen Sinfonieorchestern gewöhnt ist: Runde Bögen, Gamben, die zwischen die Knie geklemmt werden, ohne auf dem Boden abgestützt zu werden, kunstvolle barocke Köpfe statt der üblichen „Schnecken“.

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Wenn Rademann dann um Ruhe bittet und damit den Beginn der Probe einläutet, merkt man, dass die Unterschiede nicht nur visueller Natur sind: Um den Originalklang möglichst perfekt nachzuahmen, spielt das Ensemble in „mitteltöniger Stimmung“. Das bedeutet, vereinfacht ausgedrückt, dass die Terzen einen etwas größeren Tonabstand aufweisen, während die Quinten ein wenig verengt werden. Was für einen Laien kaum hörbar ist, bedeutet für manch Aufführenden eine große Umstellung. „Für die Musiker ist das kein Problem“, meint Hans-Christoph Rademann dazu, „nur die Sänger müssen sich noch daran gewöhnen.“ Wenn man dann genau hinhört, merkt man, wie außerordentlich rein, teilweise sogar spitz die Harmonien sind. Gut hörbar ist das vor allem zu Anfang der Marienvesper, wenn der Chor zu den Fanfaren der barocken Posaunen mit den Worten „Domine ad adjuvandum me festina“ um den Beistand des Herrn bittet.

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Ein besonderes Augenmerkt legt der Dirigent dann auf den Lobgesang, das „Halleluja“, zu dem der Chor anschließend ansetzt: Er formt seine Klangvorstellung nicht nur mit den Worten, sondern auch mit seinen Händen. Steigt auf die Zehenspitzen, wenn er einen leichteren, lockeren Klang erwartet. Krümmt und beugt sich, um eine innigere Interpretation hervorzulocken. Und immer wieder betont er in Richtung der Musiker: „Gut auf einander hören.“

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In der Pause bekomme ich die Gelegenheit, mit einem Orchestermusiker zu sprechen. Fagottist Clemens Schlemmer beschreibt die besondere Probenarbeit mit Hans-Christoph Rademann: „Er zwingt uns immer wieder zu sehen, dass die Musik nicht nur aus Tönen besteht. Die Instrumentalisten sollen den Text mit dem Chor gewissermaßen mitsprechen.“

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Wenn man die Musiker beim Spiel beobachtet, merkt man schnell, wie sehr jeder Einzelne von ihnen in das Stück involviert ist. Kein Musiker aus den Reihen der Gaechinger Cantorey bedient nur starr sein Instrument: Mit ihrem ganzen Körper vollziehen sie jede einzelne Linie und Betonung nach. Diese unbeabsichtigte Choreographie zieht sich bis in die hintersten Reihen des Chores. Hier wird wirklich miteinander musiziert.

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Dass es Rademann vor allem um einen runden Gesamtklang, um das Verschweißstsein zwischen Instrumentalisten und Chor geht, sieht man auch an der Programmatik, mit der er die Ensembles der Bachakademie umgestaltet: Der Chor, der ehemals Gächinger Kantorei hieß, wird in den Mittelpunkt der Ensembles gerückt, indem Chor und Orchester fortan unter dem gemeinsamen Namen Gaechinger Cantorey auftreten. Als Herzstück des neuen Klangideals sieht der Dirigent den Nachbau einer barocken Truhenorgel. Ein blaugrauer, mit barocken Elementen verzierter Kasten, der im kleinen Konzertsaal der Bachakademie auf seinen ersten Einsatz wartet.

Diese eher unscheinbare „Kiste“ wurde vor wenigen Wochen eigens von ihrem Erbauer Christian Wegscheider aus Dresden angeliefert und ist eine kleine Sensation: Akribisch rekonstruiert, nach einem vermutlich 1722 erbauten Vorbild, einer kürzlich entdeckten Orgel aus der Werkstatt von Gottfried Silbermann, repräsentiert sie den barocken, mitteldeutschen Klang, den Rademann abzubilden versucht. Ab Oktober heißt es dann: Neue Saison, neuer Klang. Denn auch die Saisoneröffnung der Bachakademie am 8./9.  Oktober 2016 vollzieht im Programm und Titel nochmals die großen Veränderungen der letzten Monate nach: „Bach und die Reformation“ nennt sich das erste Akademiekonzert, bei dem das Ensemble dann in voller Besetzung die Lutherische Messe, die Choralkantate „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“, sowie die –wie soll es anders sein – Reformationskantate „Gott der Herr, ist Sonn und Schild“, präsentieren wird. Auf diesen neuen Bachklang kann man sich wahrlich nur freuen.

Hier eine kleine Kostprobe:
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Die Fotos stammen von meinem Kollegen Holger Schneider.



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