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Kulturdonnerstag: Auf den Spuren der deutschsprachigen Literatur in Marbach am Neckar

6
Okt

An diesem Kulturdonnerstag geht es nach Marbach am Neckar… Ihr könnt einen exklusiven Blick hinter die Kulissen gewinnen: Der Gewinner und eine Begleitperson werden hinter die Kulissen der Literaturmuseen geführt! Schickt uns bis zum 10. November eine Email an events@stuttgart-tourist.de und verratet uns, warum gerade Ihr gewinnen sollet! 😀

Ein kleines Städtchen in der Nähe von Stuttgart. Ausgerechnet. Das größte Archiv für deutschsprachige Literatur befindet sich nicht in Berlin und auch nicht in Weimar, sondern in Marbach am Neckar. Schuld daran ist Friedrich Schiller, der hier 1759 geboren worden ist. Die Schiller-Verehrer haben im 19.Jahrhundert aus dem Geburtshaus ein kleines Museum gemacht und 1903 ein größeres gebaut, das Schiller-Museum und -Archiv, aus dem 1955 das Deutsche Literaturarchiv hervorging. Inzwischen eine der wichtigsten Literaturinstitutionen weltweit. Heute bin ich hier, an einem Montag, dem Tag, an dem die beiden Museen geschlossen sind.

Das Schiller-Nationalmuseum und das Literaturmuseum der Moderne sind nur die Spitze des Eisbergs. Viel mehr Schätze aus der Welt der deutschsprachigen Literatur lagern unterirdisch in den verwinkelten Gängen des Archivs. 10.000 Quadratmeter umfassen die Magazine insgesamt. Ein Labyrinth, in dem man sich schnell verirren kann.

Die beiden Museen des Deutschen Literaturarchivs Marbach: Das Literaturmuseum der Moderne (im Vordergrund) und das Schiller-Nationalmuseum

Die beiden Museen des Deutschen Literaturarchivs Marbach: Das Literaturmuseum der Moderne (im Vordergrund) und das Schiller-Nationalmuseum

Los geht es im Literaturmuseum der Moderne. Dort ist es montags ganz finster. Die sonst so geheimnisvoll glitzernden Vitrinen behalten ihre Schätze in der Dunkelheit für sich. Auch an geöffneten Tagen ist es hier nicht besonders hell, denn die Manuskripte vertragen kein Licht und keine Wärme. Aus konservatorischen Gründen müssen sich die Besucher mit konstant kühlen 18 Grad und einer Lichtstärke von 50 Lux zufrieden geben. Nur zum Vergleich: ein heller Sonnentag hat etwa 100.000 Lux.

Schummrige Lichtverhältnisse in der Dauerausstellung.

Schummrige Lichtverhältnisse in der Dauerausstellung.

Ich ertaste mir in der Dauerausstellung „Die Seele“ den Weg zu einer kleinen Holztür in der Wand. Dahinter befindet sich ein Bildschirm, auf dem die Beleuchtung eingeschaltet werden kann. Eine Berührung des Touchscreens genügt und schon ist der Raum hell erleuchtet. Nun kann die Suche nach einem Exponat, für das heute ein Video gedreht werden soll, beginnen. Doch wozu überhaupt ein Video?

 

Seit der Neukonzeption der Dauerausstellung  im Jahr 2015 können die Museumsbesucher mit ihrem Smartphone durch die Ausstellung laufen. Mithilfe der App der Marbacher Literaturmuseen können sie sich zusätzliche Informationen zu den Exponaten holen. An den Vitrinen sind QR-Codes angebracht, die beim Scannen Informationstexte preisgeben. Zusätzlich erscheinen zu jedem Exponat die Buttons „Entdecken“ und „Hören“.

Hinter „Entdecken“ verbirgt sich ein kurzer Film, in dem das Exponat genauer unter die Lupe genommen wird. Seiten werden umgeblättert, interessante Stellen herangezoomt oder es wird zusätzliches Material gezeigt, das zum Exponat passt. Durch den Entdeckerclip kann man den Exponaten näher rücken, obwohl sie verschlossen in den Vitrinen liegen. Die Rubrik „Hören“ enthält außerdem Audio-Beiträge. Diese erzählen Geschichten zu den Exponaten oder verraten weiterführende Informationen.

So sehen die Vitrinen in der „Seele“ aus. QR-Codes bieten weiterführende Informationen zu den Exponaten. Rechts unten liegt eine von Hesse gestaltete Mappe, in der er „Narziss und Goldmund“ aufbewahrt hat.

So sehen die Vitrinen in der „Seele“ aus. QR-Codes bieten weiterführende Informationen zu den Exponaten. Rechts unten liegt eine von Hesse gestaltete Mappe, in der er „Narziss und Goldmund“ aufbewahrt hat.

Heute soll ein neuer Entdeckerclip entstehen, weil es die Möglichkeiten des „Hörens“ und „Entdeckens“ noch nicht für alle Exponate gibt. Vor einer Vitrine, in der Exponate aus den 1930er Jahren liegen, fällt mein Blick auf eine Mappe, die mit bunten Kugeln verziert ist. Hier hat sich Hermann Hesse künstlerisch betätigt. In dieser Mappe hat er das Manuskript zu seinem Roman „Narziss und Goldmund“ aufbewahrt. Daneben liegt ein Zettel, auf dem Titelvorschläge für den Roman notiert sind. Hesse hat anscheinend überlegt, das Werk „Narziss oder der Weg zur Mutter“ bzw. „Das Lob der Sünde“ zu nennen.

Die restlichen Notizen von Hesse zu „Narziss und Goldmund“ sind gar nicht in der Ausstellung zu sehen, sondern an einem anderen Ort. Es ist also an der Zeit, das Museum zu verlassen.

Durch eine unauffällige Tür gelange ich vom Literaturmuseum der Moderne auf einen langen Gang. Dieser führt mich zur sogenannten Ausstellungsvorbereitung, wo Exponate probegelegt, Vitrinen abgestellt und diverse Werkzeuge aufbewahrt werden. Auf dem Weg dorthin erhalte ich einen Einblick in die Magazine. Es geht vorbei an einigen Autorenbibliotheken. Mein Blick streift Bücher, die einmal bei Paul Celan im Wohnzimmer standen. Die Autorenbibliotheken machen neben Manuskripten, Briefen, Bildern und Gegenständen aus dem Lebensumfeld von Autoren einen großen Teil der Bestände des Deutschen Literaturarchivs aus.

In den unterirdischen Gängen, die zur Ausstellungsvorbereitung führen, werden gelegentlich Vitrinen abgestellt. Links erhält man einen Einblick in die Autorenbibliotheken.

In den unterirdischen Gängen, die zur Ausstellungsvorbereitung führen, werden gelegentlich Vitrinen abgestellt. Links erhält man einen Einblick in die Autorenbibliotheken.

Im Bereich der Ausstellungsvorbereitung erwarten mich grau-braune Stahlschränke. Besonders verheißungsvoll sehen sie nicht aus, doch der Schein trügt. Beim Öffnen kommen mehrere der grünen Marbacher Kästen zum Vorschein, in denen die Archivalien gelagert werden. In den Kästen liegen die Dokumente wiederum verpackt in säurefreie Mappen. So werden die empfindlichen Seiten vor dem Zerfall bewahrt.

Hier im Stahlschrank werden für den Zeitraum einer Ausstellung die Schriftstücke eines Bestands abgelegt, die aus dem Archiv ausgehoben wurden, aber nicht in der Ausstellung zu sehen sind. Oft ist es nur ein kleiner Teil eines Manuskripts, der in die Ausstellung eingeht. Von Arthur Schnitzlers „Lieutnant Gustl“ wird beispielsweise in der Dauerausstellung statt einem ganzen Stapel an handbeschriebenen Seiten nur die letzte Seite gezeigt.

 

Beim Öffnen des Stahlschranks kommen die grünen Marbacher Kästen, in denen Archivalien aufbewahrt werden, zum Vorschein.

Beim Öffnen des Stahlschranks kommen die grünen Marbacher Kästen, in denen Archivalien aufbewahrt werden, zum Vorschein.

Auch die Manuskriptseiten zu „Narziss und Goldmund“ verstecken sich also irgendwo in den Stahlschränken. Der gewünschte grüne Kasten ist dank der chronologischen Ordnung schnell gefunden. Neben Manuskripten von Schriftstellern wie Else Lasker-Schüler, Hugo von Hofmannsthal und Ernst Jandl liegt auch Hermann Hesses „Narziss und Goldmund“. Es wird spannend. Welche Spuren von Hesse werden wohl zu finden sein? Ich nehme das Manuskript mit in einen Raum nebenan, wo ich die Unterlagen in Ruhe ansehen kann. Dort liegen auch die entsprechenden Werkzeuge bereit: Handschuhe und eine Art Spatel. Die weißen Handschuhe sollen das Papier beim Anfassen schützen, mit dem Spatel werden die Seiten vorsichtig umgeblättert.

Handschuhe und Spatel schützen das Manuskript beim Umblättern

Handschuhe und Spatel schützen das Manuskript beim Umblättern

 

Beim Durchblättern der Seiten fällt gleich eine Besonderheit auf: Hermann Hesse hat seinen Roman handschriftlich auf die unterschiedlichsten Dokumente geschrieben. Da taucht zum Beispiel ein Aufruf an die Autoren von lyrischen Werken auf, gegen das unzureichende Urheberrecht zu protestieren. Für Hesse zählte jedoch wohl weniger der Inhalt dieses Dokuments, als vielmehr das Material Papier, auf das er schreiben konnte. Ähnlich erging es einem Brief, den Hesse vom Hermann Schaffstein-Verlag erhalten hat. Auch dieser wurde kurzerhand zur Schreibunterlage umfunktioniert. Selbst Rechnungen blieben nicht verschont. Ausgerechnet eine Rechnung für Hesses Schreibmaschine kommt beim Blättern noch ans Licht. So erfahre ich aus dem Manuskript von „Narziss und Goldmund“, dass Hesse seine Remington Portable im Dezember 1924 zur Reparatur gebracht und 14,50 Franken dafür bezahlt hat.

Details wie diese eignen sich hervorragend für den Entdeckerclip, denn sie verraten eine Menge darüber, wie Schriftsteller arbeiten. Im nächsten Schritt müssen die eben entdeckten Seiten noch gefilmt werden, bevor sie als zirka einminütiges Video in der App landen. Dies geschieht im Fotostudio des Deutschen Literaturarchivs. Doch dafür reicht die Zeit heute leider nicht mehr aus. So viel sei verraten: Die App kann kostenlos heruntergeladen werden unter http://www.dla-marbach.de/museen/museums-app/. Man kann also, ohne in Marbach vor Ort zu sein, jederzeit in den Exponaten stöbern und sich auf den Museumsbesuch einstimmen. Das Ergebnis des Videos zu Hermann Hesses „Narziss und Goldmund“ kann dort bald auch überprüft werden.



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