Lieblings-Beiträge

Autoren

Beiträge als E-Mail-Abo

Blog via E-Mail abonnieren

Gib Deine E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.

Themen

Blogroll

Facebook

Kulturdonnerstag: Rilke, Russland und Moscow Mule im Literaturmuseum der Moderne

1
Jun

Am heutigen Kulturdonnerstag geht es ins Literaturmuseum der Moderne nach Marbach  – oder eigentlich doch eher nach Russland, schließlich wird gerade die Ausstellung „Rilke und Russland“ gezeigt.

Unzählige Manuskripte, Bücher, Fotografien und Gemälde aus Deutschland, Russland und der Schweiz erzählen, wie der junge Dichter Rainer Maria Rilke seine eigentliche Heimat in dem Land im Osten fand – auf zwei Reisen gemeinsam mit seiner Geliebten und mütterlichen Freundin Lou Andreas-Salomé. Dem „Frauenzimmer von gefährlicher Intelligenz“, wie Sigmund Freud sie nannte. In einer Führung habe ich einen Blick in die Ausstellung geworfen und dann hinter den Kulissen erfahren, wie viel an Kreativität, Planung und exakter Logistik hinter einem solchen Projekt steckt.

Die Vitrinen der Ausstellung glänzen schwarz und schimmern golden, von der Ferne hört man die Kremlglocken schlagen, die Rilke beim ersten Besuch an Ostern 1899 in Moskau die Sinne erzittern ließen. In der Ausstellung reist man die historische Reiseroute nach, sieht die Souvenirs, die Rilke erstanden hat, kann nachvollziehen, wie er Russisch gelernt hat, was ihn an der russischen Kunst fasziniert hat und warum sein Verhältnis zu Tolstoi so brüchig war wie das zersplitterte Keramikportrait des Verfassers von „Krieg und Frieden“.

Leo Tolstois Porträt, so brüchig wie sein Verhältnis zu Rilke

Die russischen Dinge, die unermessliche Weite der Wolga und vor allem die Suche nach Gott in einem Land, in dem noch „Schöpfungstag“ herrscht, haben Rilke zum Schreiben inspiriert. Sein Erleben schlägt sich unmittelbar in seinen Gedichten nieder, die er im „Stundenbuch“ niedergeschrieben hat und die teilweise auch in den Hörstationen der Ausstellung abrufbar sind. Rilkes Beziehung zu Russland erfuhr in seinem Todesjahr im einzigartigen  Briefwechsel mit der Dichterin Marina Zwetajewa einen letzten Höhepunkt. „Rilke war mein letztes Deutschland, wie ich sein letztes Russland war“, schrieb sie – zu einem Treffen der beiden ist es nicht mehr gekommen.

Rilkes Briefe

Die Texte in der Ausstellung eröffnen die Themen der einzelnen Vitrinen. Wer mehr über die Objekte  erfahren und die ausgestellten Briefe lesen möchte , kann QR-Codes scannen, die zu den Exponatlegenden und den Transkriptionen führen.

Wie viel Arbeit hinter so einer Ausstellung steckt, wird dann hinter den Kulissen deutlich. In den Räumen der Ausstellungsvorbereitung, der Restaurierwerkstatt und dem Vitrinenlager türmen sich feinsäuberlich sortierte und nummerierte Mappen. Auf ihnen sind die Exponate mit Titel, Nummern und dem Leihgeber verzeichnet. Nichts darf durcheinander kommen bei mehr als 20 verschiedenen Archiven oder auch Privatpersonen, die ihre Originale an das Literaturmuseum in Marbach ausgeliehen haben. Daneben liegen Listen mit Maßen, Pläne mit eingezeichneten Objekten, die den Vitrinen in der Ausstellung verdächtig ähnlich sehen: alle Vitrinen wurden genau an die Objektmaße angepasst, alles extra für die Ausstellung gebaut.

Hier herrscht Ordnung. Zumindest, solange die Post-Its kleben 🙂

Einige Manuskripte dürfen oder können nicht als Original gezeigt werden, z.B. wenn sie zu empfindlich sind. Dann werden in den Räumen hinter der Ausstellung exakte Faksimiles hergestellt, die selbst einen geschulten Blick täuschen können. Rilkes russische Bücher mussten in der Restaurierwerkstatt für die Präsentation aufgebunden werden, während fragile Objekte, wie die Ikone, die der Dichter auf einem Trödelmarkt in Moskau kaufte, vorsichtig gesichert werden.

Stapel hinter den Kulissen

Es gibt viel zu erzählen, sowohl vor aber auch hinter den Kulissen. Die Zeit vergeht schnell und zum Abschluss warten im Prunkraum des Schiller-Nationalmuseums ein Moscow Mule (den Rilke sicherlich noch nicht in Russland getrunken hat) und russische Süßigkeiten auf mich. Der perfekte Abschluss für den Ausflug nach Marbach!

Moscow Mule – das kannte Rilke sicher noch nicht. Schade für ihn 😉

Text und Bild: Johannes Kempf



Keine Kommentare »


RSS feed for comments on this post. TrackBack URL



Leave a comment